Donnerstag, 5. Juni 2014

Kuba mi amor - eine ganz neue Geschichte

Menschen
Die Schweinebucht heute
Karosse, Kuba und ich
Kuba durchmessen, von West nach Ost. Ich habe zum ersten Mal das gemacht, was „normale" Touristen tun. Zumindest meinen bisherigen Vorstellungen nach. Ich habe eine geführte Busrundreise über die Insel gebucht, die im Norden am Atlantik liegt, im Süden am karibischen Meer. Einfach so, nicht, um ein weiteres Buch zu schreiben, sondern im Gegenteil, um Abstand zu gewinnen. Gefunden habe ich Nähe, Musik, Tanz, Lachen, Leben, und – neue Geschichten. Nicht nur im Buena Vista Social Club oder in der Schweinebucht.

„Kuba ist ein sozialistisches Land, kein kommunistisches“, sagt Lena*. „Vieles ist gut, aber wir müssen uns entwickeln, wir jungen Leute wollen auch das tun können, was andere junge Leute tun.“ Lena ist jung, 24, hat in Havanna, oder besser La Habana, der Schönen mit dem Charme einer in die Jahre gekommenen Hollywood-Diva, Geschichte und Deutsch studiert. Sie leistet als Reiseleiterin in einer der staatlichen und im Übrigen sehr gut organisierten Reiseagenturen ihre sozialen Jahre ab, für einen Apfel und ein Ei. Lena könnte bei einer der inzwischen erlaubten nicht staatlichen Agenturen vermutlich das Zehnfache verdienen. Aber das nimmt sie ohne Murren in Kauf. „Denn“, sagt Lena, „mein Land braucht mich.“

Die junge zierliche Frau mit den grünen Augen und den schwarzen Haaren ist für mich ein ständiger Quell des Staunens, ebenso wie ihre Heimat, dieses Land voller Helden, wie der Vater der Nation, José Marti. Überall wird der Helden gedacht, meistens der Helden der Revolution, aber auch derer, die in den beiden Unabhängigkeitskriegen gegen Spanien gefallen sind. Helden. Mir ist damals aufgefallen, dass wir so etwas nicht haben. Nicht in dem Sinne, in dem die Kubaner ihre Helden verehren, als Vorbilder, die mit ihren Taten den Weg in die Zukunft weisen.

Lena hält mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg, aber auch nicht mit ihrem Stolz und ihrer Liebe zu ihrer Heimat. Das ist nicht gespielt. Unterstützt wird sie von Marco*, unserem Busfahrer, etwa 40 und genau das, was man unter einem Kapitän der Landstraße so versteht: in jedem Hafen eine andere Frau. Darüber hinaus werden wir wunderbar betreut. Etwas klappt nicht? Kein Problem, Lena findet eine Lösung.


Santa Clara und das Zugmuseum
Sie führt uns mit einer Selbstsicherheit, die verblüffend ist, von West nach Ost durch die Provinzen der Insel, von Varadero über Havanna bis nach Baracoa, der Stadt in der Region des ständigen Regens, durch Orte wie Pinar del Rio, Holguín, Camagüey, Cienfuegos, das koloniale Trinidad, Bayamo, Santiago de Cuba, die Provinz Guantánamo, die Enklave mit dem alle Menschenrechte verachtenden Gefängnis der Amerikaner. Und natürlich Santa Clara , die Stadt Ches, in der von den Rebellen ein Zug zum Entgleisen gebracht wurde und die Revolution schließlich siegte. Hier liegt er in einem großen Mausoleum begraben. Im Kreis seiner Mitkämpfer. Obwohl er seine kubanische Staatsbürgerschaft zurückgab und weiterzog, um die Welt gerechter zu machen. Im Kongo, in Bolivien. Seine zweite Frau und die Kinder ließ er auf Kuba zurück, übergab sie der Obhut des Staates. Ich frage mich, während Lena im Bus Ches berührenden Abschiedsbrief vorliest, ob es seinen Kindern, auch der Tochter aus erster Ehe, nicht lieber gewesen wäre, sie hätten keinen Helden in der Familie gehabt, sondern einen Vater. Dass sich Che und die Castros zerstritten hätten, sei nur ein Gerücht, sagt Lena außerdem.

Che. Er ist überall. Ebenso wie Fidel Castround sein Bruder Raúl. Überall auch Plakate, die die Bauern mahnen, fleißig zu sein. Indoktrination. Ja. Aber tun wir doch nicht so, als gäbe es die bei uns nicht. Hierzulande läuft sie nur subtiler ab.

Fast alles auf Kuba ist noch staatlich. Die Hotels, die zusammen mit den Spaniern hochgezogen wurden, meist zweistöckig oder eben alt, noch aus der Kolonialzeit, werden sorgfältig geputzt, instandgehalten, so gut es mit geringen Mitteln und Möglichkeiten eben geht. Das gilt auch für die meist einstöckigen Häuser der Kubaner.

In jedem Garten blühen Büsche, die Veranden werden jeden Tag nass gewischt. Ja, man kann sehen, dass stimmt, was Lena sagt: Die Kubaner sind stolz auf ihre Heimat. Nirgendwo Müll, überall Menschen mit Macheten, die Gras schneiden, blühende Büsche stutzen. Auch an den Straßen, an denen die Kühe weiden. Wer eine Kuh tötet kommt für 15 Jahre ins Gefängnis. Nicht, weil Kühe heilig wären, sondern, weil nach der Revolution verhindert werden sollte, dass die Bauern aus Armut ihre Lebensgrundlage töteten.

Es wurden aber auch alle Kubaner aufs Land geschickt, die lesen und schreiben konnten. Damals, vor der Revolution, hatte Kuba eine geringe Alphabetisierungsrate. Danach musste jeder, vom Kind bis zur Oma Lesen und Schreiben lernen. Heute können das so gut wie alle. Es gibt die Schulpflicht, das Studium ist kostenlos, ebenso die Gesundheitsversorgung oder ein Platz im Altenheim, wenn ein Mensch keine Familie hat. Das kostet viel und wurde dennoch nicht abgeschafft, trotz Blockade, trotz der großen Krise, als die Sowjetunion zusammenbrach und damit auch der bis dahin größte Einnahmezweig der Insel: der Verkauf von Zucker.

Die Menschen hatten keine andere Wahl, sie mussten sich auf ihre eigenen Möglichkeiten besinnen. Das macht sie heute stark. Auf Kuba, das war zumindest mein Eindruck, sind alle gleich arm. Oder gleich reich, wenn man so will. Noch. Denn es wird sich vieles ändern. Die alten, sorgsam immer wieder reparierten amerikanischen Straßenkreuzer werden vielleicht weniger. Seit einiger Zeit dürfen auch moderne Autos wieder eingeführt werden. Es gibt inzwischen kleine Privatunterkünfte, streng staatlich kontrolliert, denen hohe Abgaben abverlangt werden. Ebenso wie den ersten privaten Restaurants.

Am Atlantik werden in Kooperation mit Kanada Ölquellen erschlossen, Venezuela schickt trotzdem sein Öl, Kuba arbeitet mit Brasilien zusammen, hat mit den Spaniern die staatlichen Hotels gebaut, die wenigsten höher als zwei Stockwerke - all inklusive in riesigen Parks am Meer, insbesondere auf der langgestreckten Halbinsel von Varadero. Heute haben die Touristen den Zucker als größte Einnahmequelle Kubas abgelöst.

Manchmal fließt kein Wasser aus dem Hahn, manchmal kein Strom aus der Steckdose. Und ein funktionierendes Transportsystem ist Zukunftsmusik. Die Busse in Havanna fahren oder eben nicht, Lastwagen dienen als Transportmittel für Überlandfahrten, in den Städten gibt es die Cocotaxis oder die Bicitaxis, die kubanische Form der Rikscha. Doch trotzdem kommen die Menschen irgendwie an ihren Arbeitsplatz.

Wie gesagt, noch. Denn Kuba wird sich verändern, wenn die Castro-Brüder nicht mehr sind. Ist auf eine gewisse Weise in Gefahr, seine Unschuld zu verlieren. Ich wünsche den Kubanern von Herzen, dass sie sich die Stärke bewahren können, die sie durch die schweren Jahre brachte, ihre Herzlichkeit und Wärme, dass sie sich ihren Stolz nicht für die Almosen von Touristen abkaufen lassen, sich schützen vor den Auswirkungen der Gier. Vielleicht ist das aber auch zu viel verlangt, nichts als die romantisierende Fantasie einer Touristin, die fürchtet, dass Kuba durch die Segnungen der modernen Marktwirtschaft zu einem verlorenen Paradies werden könnte. Dennoch: Bleib stark, bleib authentisch, Kuba mi amor.


*Namen verändert

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