Freitag, 31. Juli 2015

Kubanisches Tagebuch, Folge I




Mein Schreibtisch steht inzwischen auf einer Insel. Ein Jahr Kuba - das ist Abenteuer pur, Eintauchen in eine andere Welt, die bei genauerem Hinsehen so anders gar nicht ist. Dennoch. Vieles, was für mich im Alltag selbstverständlich war, ist es nicht mehr. Das gilt im Übrigen auch für so manches Klischee. Und natürlich führe ich Tagebuch.


Im Folgenden einige kurze Auszüge.

Die ersten Tage



So langsam komme ich auf Kuba an. Es ist wie immer, anfangs bekomme ich Heimweh und würde am liebsten gleich wieder zurück. Hinzu kommt der Zeitunterschied von sechs Stunden. Ich konnte einfach nicht schlafen, mein Biorhythmus ist völlig durcheinander geraten. Und außerdem liegt meine derzeitige Wohnung an einer Durchgangsstraße. Ihr habt keine Ahnung wie gefühlte Millionen alter Autos und Lastwagen, die offenbar alle mit Salatöl fahren, stinken und röhren können. Auch nachts. Ich dachte schon, ich muss hier abbrechen, war ständig müde und auf der Suche nach einem Ort, an dem meine Ohren sich ausruhen können. Gestern nun bin ich losgezogen und habe „meine“ neue Bleibe auf Kuba gefunden – ein Apartmement in einem alten Haus in der Nähe der Rampa, der 23. Straße. Mein Schutzengel und der "Entdecker" Kubas, Alexander von Humboldt, haben sich wohl zusammengetan, nachdem ich seinem Denkmal  auf dem Gelände der Universität mein Leid geklagt habe: Küche, Bad, Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Bügelbrett und Waschmaschine.


Alles in Allem, das Leben ist gut. Vielleicht hat ja auch der Glücksstuhl geholfen, auf dem Ihr mich auf dem beigefügten Foto (Mitte) sitzen seht. Ein Künstler namens Salvator Gonzales hat ganz in der Nähe die Casa de Hamel errichtet, fast ein kleines Dorf, alles gestaltet aus Recyclingmaterialien. Er scheint international bekannt zu sein. Jedenfalls hängt da ein Bild von ihm und Led Zeppelin. Jetzt gibt es natürlich auch ein Bild mit mir.

Nach einem Monat



Ein Monat Havanna liegt hinter mir, noch viele vor mir - und mit der Gewohnheit ist es manchmal eine wirklich gute Sache. Zu wissen, wo was zu haben ist, zumindest grundsätzlich – ich denke da an Kaffee, Nudeln, Milch, Joghurt, Käse – vermittelt mir ein Gefühl von Heimat. Tomaten gibt es gerade nicht, aber dafür Avocados und nach wie vor Mangos in rauen Mengen. Ich habe mir auch schon mein Heimwehessen gekocht – Nudeln mit Tomatensauce und, Ihr werdet es nicht glauben, sogar mit Parmesankäse. Der ist hier sündhaft teuer. Wie übrigens alle Milchprodukte.

Ansonsten ist hier das Smoothies und Pizzaland. Eine Pizza de Queso, eine mit Käse obendrauf, kostet in einer der unzähligen kleinen Straßencafé – allesamt particular, also privat betrieben, zwischen zehn und 12 kubanischen Pesos, umgerechnet 0,50 CUC, das ist der Peso convertible, die Touristenwährung, wiederum umgerechnet 50 Cents in unserer Währung. Ich habe zwei Lieblingsstraßencafés – eines liegt am Malecón und bietet obendrein beim Essen einen wunderbaren Blick aufs Meer. Das zweite in einer kleinen Seitenstraße. Gleich zu Anfang habe ich den Tamarindensaft entdeckt – 3 Pesos, also etwa 8 Cents das Glas. Er schmeckt herrlich. Aber auch da scheint die Saison vorbei zu sein. Derzeit ist nur Mangosaft und Ananassaft zu haben. Also habe ich mich, auch dank einer wunderbar ausgestatteten eigenen Küche, zur Smoothies-Königin entwickelt und mache mir meine Batidas selbst. Gerne mit Milch oder Joghurt – die ist jedoch meist nur als Cocos-Joghurt oder ansonsten mit irgendwelchem Geschmack zu haben, sehr selten in natur. Doch ich kann Euch sagen – die Naturjoghurt auf Kuba, wenn es sie denn gibt, ist ein Gedicht. Übrigens: Mir ist noch nie vom Essen in diesen Straßencafés schlecht geworden.

Inzwischen habe ich auch schon einige Salsa-Stunden hinter mir, mein Lehrer sagt, ich hab jetzt das Gefühl dafür. Es ist allerdings eine schweißtreibende Angelegenheit, denn wir haben hier Hochsommer – und das ist die Zeit der Hitze, der Schwüle und der Zyclone. Meist brauen sie sich über dem Golf von Mexiko zusammen. Bisher sind sie aber ohne größere Schäden für Kuba Richtung Mexiko abgezogen. Gut, dann haben wir auf der "Rückseite" Sturm und sturzbachartigen Regen, der die Straßen in Bäche verwandelt, die Löcher darin in Tümpel (oder Seen) und meine Loggia überflutet. Aber das ist auch alles. Also verwandelt sich meine Vermieterin selbst in eine Art wütender Wirbelsturm und rückt mit Eimer und Putzlappen an, um die Fluten einigermaßen einzudämmen. Ich würde ja helfen. Aber ich darf nicht. Ich werde hier verwöhnt von vorne bis hinten...

Nach einigen weiteren Wochen, ein Brief an die Daheimgebliebenen


Hallo Ihr in Deutschland (und dem Rest der Welt),
so, jetzt hat es mich auch erwischt. Halb Havanna ist verschnupft oder hustet vor sich hin. Die andere Hälfte wedelt mit allem, was Kühlung verspricht, überquert auch die breiteste die Straße für ein Stückchen Schatten auf dem Gehweg, denn der Hochsommer tut was er kann, um seine Fähigkeiten zu beweisen. Nachts wird es selten kühler als 28, 30 Grad. Ich gehöre – wie viele andere – zu der Sorte Mensch, die beides gleichzeitig zu erledigen hat – das Husten und das Wedeln (ok, das haut mit den 100 Prozent nicht so ganz hin, zwei Hälften machen ja schon ein Ganzes, aber bitte, ich habe Schnupfen! Wer kann da schon Prozentrechnen!). Dazu kommen mindestens drei Duschsessions pro Tag. Ich trinke literweise. Nein, das wird kein Klagelied. Ich wollte es ja so.

Außerdem habe ich es gut getroffen. Meine Vermieter zeigen vollstes Mitgefühl, überhäufen mich mit guten Ratschlägen, was ich alles gegen die Erkältung tun könnte sowie Pillen und Tees – während sie selbst bereits seit zwei Wochen vor sich hin husten, mindestens dreimal beim Arzt waren und mir immer wieder anbieten, einen Arzt anzurufen.

Ansonsten herrscht hier Aufbruchstimmung, die Menschen diskutieren, schwanken zwischen Staunen und Ungläubigkeit, seit Obama und Raoul Castro am 1. Juli angekündigt haben, dass sie die diplomatischen Beziehungen wieder aufnehmen wollen, die vor 54 Jahren abgebrochen worden sind. Nun erlebe ich also zum zweiten Mal das Ende einer Eiszeit, eine Geschichtenwende, an die niemand geglaubt hat – bis es eben passiert ist. Zuerst in Deutschland das Ende des Kalten Krieges, den Fall der Mauer, die Wiedervereinigung und jetzt hier. Ich spüre denselben Ruck, sehe dasselbe Leuchten in den Augen der Menschen, Hoffnung, die aufflackert, dass nun doch alles schneller besser wird als gedacht. Und ich empfinde es als großes Privileg, dabei sein zu dürfen.

Es ist das Ende einer Eiszeit, die niemandem etwas genützt und vielen geschadet, die auf Kuba Menschenleben gekostet hat – das von Kindern zum Beispiel, weil es wegen besagter Eiszeit anfangs kaum etwas gab, auch nur wenige Medikamente. Inzwischen haben die Kubaner selbst Medikamente entwickelt, vermutlich sehr zum Unwillen der Pharmakonzerne, die jetzt unliebsame Konkurrenz bekommen könnten. Denn Medizin jedweder Art wird auf Kuba kostengünstig produziert. Vieles wurde aus eigenen Ressourcen entwickelt – kein internationaler Konzern kann deshalb plötzlich auf die Flora und Fauna Patente anmelden. Kuba hat übrigens viele endemischen Pflanzen. Und Havanna bezeichnet sich selbst nicht ohne Stolz als die Welthauptstadt der Medizin. Das ist zwar vollmundig, aber es ist auch was dran. Erst unlängst hat Kuba mit China Verträge über die Kooperation im Bereich der Medizin und der Biotechnologie geschlossen, bei der es auch um bessere Medikamente gegen den Krebs gehen soll. Nun, mit der Konkurrenz für Pharmariesen wie Monsanto dauert es vielleicht noch etwas, denn noch ist dass Embargo nicht aufgehoben. Außerdem sind die Kubaner selbst ziemlich kreativ, wenn es um die Erhaltung der heimischen Arten geht. Eine Künstlerin zum Beispiel verschickt Postkarten mit Samen in die ganze Welt: Die Idee dahinter: So können Pflanzen, die aus irgend einem Grund ausgerottet worden sind, wieder auf die Insel zurückkehren. Ich finde diese Idee genial.

Der Biotechnologie stehe ich persönlich allerdings ziemlich skeptisch gegenüber. Diese Skepsis erlebe ich hier bezüglich des Medizinsektors jedoch nicht. Höchstens Bedenken, dass Amerika versuchen könnte, Kuba wieder zu vereinnahmen. Aber ich denke, der Weg, den sie auf der Insel gegangen sind, ist auf eine gewisse Weise unumkehrbar. Die Menschen hier haben sich durch viele Krisen gekämpft, mehr als einmal am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Sie sind selbstbewusst geworden, stolz auf das Erreichte. Und sie sind erstaunlicherweise keineswegs Amerika feindlich gesinnt, sie unterscheiden sehr genau zwischen den Bürgern und der Regierung.

So, das wäre es für dieses Mal. Weiteres folgt.

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